Deutsch-Türkeistämmige Biografien 


Deutsch-Türkische-Biografien

Sie leben im selben Land, besuchen dieselbe Schule, haben den gleichen Beruf – und doch bleiben sich türkeistämmige Zuwanderinnen und Zuwanderer und einheimische Deutsche häufig fremd.Mit den Deutsch-Türkeistämmigen Biografiegesprächen wollen wir diese unsichtbaren Grenzen überwinden und einen ganz persönlichen Dialog anregen. Siehe auch http://biografiegespräche.de

“Durch die Gespräche ist mir bewusst geworden, dass auf beiden Seiten Interesse besteht, sich näher zu kommen.”türkischstämmig, weiblich
 Nach einer intensiven Vorbereitungsphase konnten wir im Oktober 2009 die ersten beiden deutsch-türkischen Gesprächsrunden in Gödelitz durchführen. Beide Pilotseminare waren auf eine bemerkenswerte Weise beeindruckend und nachhaltig.

Die anfängliche Zurückhaltung war schnell verschwunden, stattdessen entwickelte sich Sympathie und Vertrauen innerhalb der Gruppe. Das biografische Erzählen ermöglicht durch den Einblick in den Lebensweg eines anderen Menschen ein tiefes Verständnis seiner Person: zu hören, was er erlebt hat , sagt viel darüber aus, was ihn geprägt hat und bietet Erklärungsansätze warum ein Mensch ist, wie er ist. Jede Biografie ist einzigartig, bei einer deutsch-türkeistämmigen Zusammensetzung der Runde kommt jedoch als zusätzliches Element noch die türkische kulturelle Prägung und die Erfahrung der Migration von der Türkei nach Deutschland – welche die türkeistämmigen Teilnehmer entweder selbst gemacht haben oder die sie als Erfahrung ihrer Eltern mitgeprägt hat – hinzu.

Diese Migrationserfahrung spiegelt sich in den Kindheitserinnerungen derer wieder, die von ihren Eltern, die als Gastarbeiter nach Deutschland kamen, früh aus ihrer Heimat gerissen wurden und in der Fremde landeten, ohne auch nur ein Wort der deutschen Sprache zu sprechen. Die die Erfahrung machten, in der Schule isoliert zu sitzen, nicht dazugehörten und sich durchkämpfen mussten, weil sie weder auf die Unterstützung der Lehrer, noch die Unterstützung der Eltern zählen konnten. Die als Familie in engsten Wohnverhältnissen lebten, weil alles Verdiente gespart werden sollte für die Rückkehr oder die Immobilie für das Alter. Die Distanz und Ablehnung durch die Mehrheitsgesellschaft erfuhren und sich umso mehr der Bedeutung der eigenen Familie bewusst waren. Und letztendlich einen Weg gefunden haben, in ihrer Identität die deutsche und die türkische Kultur zu vereinbaren, das Positive aus beiden kulturellen Prägungen zu ziehen.

Die Migration verursachte zuweilen aber auch gravierende Spannungen innerhalb der Familie. Einige der türkeistämmigen Teilnehmer mussten die Erfahrung machen, dass ein eigenständiges Leben oder deutsche Partner/innen zum Konflikt mit der eigenen Familie und deren traditionellen Werten führten. Gelöst wurden diese Konflikte auf sehr unterschiedlichem Wege – teils mit einem Konsens innerhalb der Familie, teils mit einer Abwendung von ihr. Wie sehr sich die unterschiedlichen Migrationsgründe auf die Erfahrungen in Deutschland auswirken, zeigte sich wiederum an anderen Teilnehmern, die aus politischen Gründen oder zum Studium nach Deutschland gekommen waren.

Meine Motivation, an den Biografiegesprächen unterstützend mitzuwirken, besteht darin, dass ich die Idee dahinter einfach grandios finde. Denn auch ich muss immer wieder erfahren, dass ich für viele Deutsche der erste Umgang mit einem Türkeistämmigen bin. Und in Gesprächen hierzu höre ich heraus, dass es eine Scheu gab, Unsicherheit, Komplexe, Vorurteile.Metin Yaman, Moderator der Biografiegespräche in Hamburg
Sicherlich kann man das Gefühl, „fremd” zu sein, auch im eigenen Land haben. Gerade viele ostdeutsche Biografien sind geprägt von dem Gefühl der Entfremdung nach dem Fall der Mauer und der Herausforderung, sich in einem völlig neuen System zu recht zu finden. Dieses Gefühl konnten türkeistämmige Teilnehmer gut nachvollziehen und gerade deshalb war die Begegnung mit ostdeutschen Teilnehmern und ihren Biografien für viele türkeistämmige Teilnehmer eine neue, wichtige Erfahrung. Für viele der türkischen Teilnehmer war es ebenso wichtig zu erfahren, wie schwierig teilweise die Kindheiten der ost- und westdeutschen Teilnehmer aus der Nachkriegsgeneration verlaufen waren: Ebenso geprägt von Verlust, Armut und Gewalt, wie es bei einigen von ihnen in der eigenen Kindheit gewesen war.

Die Biografiegespräche sind der erste Schritt, um das Eis zu brechen. Durch regelmäßige Jour Fixe wird der begonnene Austausch fortgeführt. Eingeladen sind alle Teilnehmer bereits gelaufener Biografierunden, aber auch am Projekt ernsthaft interessierte Personen.

Jour Fixe am 6.12.2015 auf Schloss Miel

Die Jour Fixe sind Dreh- und Angelpunkt eines stetig wachsenden Deutsch-Türkischen Netzwerkes. In entspannter Atmosphäre finden Gespräche statt, Kontakte werden geknüpft und Freundschaften entstehen. Ab und zu werden die Jour Fixe durch einen kleinen kulturellen Programmpunkt, bspw. eine Lesung oder Musik, abgerundet.

Teilnahme

Kontakt und Information:
Astrid Wirtz-Nacken, Projektkoordinatorin
E-Mail: nacken-wirtz@t-online.de
Tel.: 0175 4109508

Zahide Sarikas, Projektkoordinatorin
E-Mail: zahidesarikas@hotmail.de
Tel.: 0171 6776834

Bisher fanden Treffen statt in Aachen, Berlin, Bobingen, Bonn, Dortmund, Duisburg, Essen, Frankfurt, Freiburg, Friedrichshafen, Gelsenkirchen, Hamburg, Karlsruhe, Köln, Konstanz, Mannheim, Saarbrücken, Stuttgart, Ulm:
Wir danken den Moderatorinnen und Moderatoren: Maren Friedländer, Berkant Bostan, Sema Yilmaz Karasu, Claudia Kipp-Cötok, Perihan Güleryüz, Rainer Rex, Sevtap Dogan, Tanja von Frantzius, Leyla Diri, Erencan Erol, Reinhold Lenski, Ece Sarisaltik Aidin, Olaf Krüger, Martina Plum, Dr. Hasan Sinemillioglu, Leyla Özmal, Manfred Berns, Tanris Breitkopf, Meral Renz, Olaf Jellema, Rolf Schwermer, Angela Spindler, Murat Kücük, Niko Georgi, Ibrahim Sarialtin, Ulrike Schnellbach, Türkan Karakurt, Gerlinde Ajiboye-Ames, Hüda Tuzlu, Ulrike Dittert, Seyda Sheikhi, Astrid Wirtz-Nacken, Murat Bayraktar, Christiane Fröhlich, Metin Yaman, Derya Sahan, Dr. Ulrich Lochmann, Zahide Sarikas, Oya Abali, Elke Cybulla, Hans Weinbacher, Yesim Ince, Gülhan Efkar, Dr. Wolfgang Kunze, Özlem Sahin, Mehmet Sylu, Christine Winzer, Dr. Andrea El-Danasour und Dr. Ali-Efter Yildiz.

Motivation der Moderatoren