Das Ossi-Wessi-Experiment – ein Artikel der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

Was passiert, wenn Leute sich Zeit nehmen und einander einfach mal zuhören

Von Livia Gerster (erschienen in der F.A.S. vom 13.01.2019)

Als die Mauer noch stand, waren sich Ost- und Westdeutsche näher als heute. So jedenfalls kommt es Axel Schmidt-Gödelitz vor, wenn er hier über den Äckern und Feldern des Familienguts an die letzten Jahrzehnte denkt. Schmidt, das ist der Name des Großvaters, Gödelitz der Name des tausendjährigen Ritterguts, das die Familie um die Jahrhundertwende von verarmten Adeligen gekauft hatte. Der Enkel ist mittlerweile ein 76 Jahre alter Herr im Tweed-Jackett, der Tee aus Meißener Porzellan schlürft, aber mit den begeisterten Augen eines Jungen von seiner Lebensaufgabe erzählt: die Deutschen zusammenbringen, sie deutsche Geschichten erzählen lassen und so endlich die Trennung überwinden.

Er selbst ist irgendwie beides: Ossi und Wessi. Deshalb tut es ihm weh, wenn es im Osten immer noch heißt: Wir sind Bürger zweiter Klasse. Und im Westen: Dunkeldeutschland. Dass es mehr Redebedarf denn je gibt, hätte er sich nicht träumen lassen, als er in den neunziger Jahren mit seiner Arbeit begann. Dass er nicht aufgibt, liegt an seinem ungebrochenen Optimismus. Und an seiner Mutter.

Die brachte ihn 1942 auf dem sächsischen Gut Gödelitz zur Welt, drei Jahre später kamen die Russen und schlitzten mit Messern die Familienporträts auf. “Wo soll ich denn jetzt mit meinen vier Kindern hin?”, fragte sie verzweifelt. “Verrecken sollt ihr”, antwortete der kommunistische Ochsenknecht aus dem Nachbargut, der sich nun als neuer Herr sah. Oft sprach die Mutter davon. Doch nie sagte sie: Dieses Schwein. Sondern: So wurde der nicht geboren. Kommunisten fallen nicht vom Himmel. Das brannte sich dem Sohn ein.

Die Familie floh nach Westdeutschland, Schmidt-Gödelitz studierte, in den siebziger Jahren war er unter Günter Gaus Referent in der Ständigen Vertretung in Ost-Berlin. Nach der Wende kaufte die Familie das heruntergekommene Gut von der Treuhand zurück und richtete es wieder her. Die Mutter schärfte dem Sohn ein: “Wir sind hier die Junker. Wir müssen uns sorgfältig einfädeln.” Sie öffneten das Anwesen für Gäste, veranstalteten Konzerte und Vorträge. Den Kern aber bildeten bald schon die Biografiegespräche, die es bis heute dort gibt: Ost- und Westdeutsche erzählten einander ein Wochenende lang aus ihren Leben. Im kleinen Kreis, höchstens zu zehnt, saßen Männer und Frauen, Junge und Alte, Akademiker und Arbeiter zusammen und hörten einfach zu – ohne zu unterbrechen, zu urteilen, zu diskutieren. Was dort gesagt wurde, das blieb auch dort. In einem geschützten Raum.

So kam es, dass ein früherer DDR-Grenzwächter mit einem zusammensaß, der im Kugelhagel in den Westen geflohen war. Ein glühender Kommunist mit einem enteigneten Adeligen. Ein Stasi-Offizier mit einem politischen Häftling aus Bautzen. Und alle erzählten. Der Kommunist vom Schnee, kalt und nass in den Kinderpantinen, über den der Grafensohn in seiner Kutsche einfach hinwegfuhr. Der Adelige vom Credo der Mutter: “Das ist gottgewollt.” Der Pfarrerssohn von seinem Glauben, der ihn immer wieder in den Knast brachte. Der Stasi-Mann vom kommunistischen Vater im Untergrund, der jüdischen Mutter in Auschwitz und ihren Mördern – die nur wenige Jahre nach dem Krieg im Westen wieder in Amt und Würden waren.

Und wie sie so erzählten, dreitausend Teilnehmer in 25 Jahren, trug sich Erstaunliches zu: Die Beteiligten sahen nicht mehr Stasi-Männer und Grenzwächter, sondern Menschen, die, wie Schmidt-Gödelitz’ Mutter gesagt hätte, nicht vom Himmel gefallen sind, sondern geformt wurden von den Systemen um sie herum.

“Ein Staat, der jemanden wie Sie einsperrt”, sagte der ehemalige Stasi-Offizier beim Abschied zum Pfarrerssohn, “hat es verdient, untergegangen zu sein.” Sie gaben einander die Hand, und nach kurzem Zögern umarmten sie einander. So eine Versöhnung unter Tränen gab es natürlich nicht immer. Aber wenn einer, der bis zum heutigen Tage an der DDR festhält, plötzlich sagt: “Vielleicht haben wir nicht alles richtig gemacht an der Grenze”, dann ist das doch ein großes Eingeständnis nach so langer Zeit. Die DDR gegen polemische Angriffe zu verteidigen ist leicht. Sie vor schweigenden, mitfühlenden Zuhörern hochzuhalten – schwer.

Überhaupt, Geständnisse gab es viele. Manche offenbarten in diesen Runden zum ersten Mal, was sie ein Leben lang geheim hielten. So erzählte einer, wie er sich im Gefängnis wiederfand, weil er gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann protestiert hatte. Man drohte ihm, die Kinder zur Zwangsadoption freizugeben, es sei denn, er wolle kein Staatsfeind mehr sein. Sondern IM. Hinterher fragten sich die anderen, wie sie gehandelt hätten. Und stellten fest: Alle hätten unterschrieben.

“Wer solche Geschichten hört, kann nicht mehr so einfach sagen: Akten lügen nicht”, sagt Schmidt-Gödelitz. Er meint das Mantra der Gauck-Behörde. Das kann man Relativismus nennen. Oder Täter-Opfer-Umkehr. Mit den persönlichen Lebensumständen lässt sich vieles erklären, entschuldbar ist es noch lange nicht. Einige ehemalige DDR-Bürgerrechtler tun sich deshalb auch schwer mit diesen Zuhörzirkeln in Gödelitz, wo Recht und Unrecht plötzlich verschwimmen in grenzenloser Empathie. Schmidt-Gödelitz wird bis heute von ihnen angefeindet. Er wiederum wirft ihnen vor, es ginge ihnen zu sehr um Triumph, ja Rache. Jetzt sind wir dran – dieses Denken müsse doch irgendwann aufhören. Vielleicht muss man weder von Rache noch von Schuldumkehr sprechen. Versöhnung ohne Aufarbeitung – das kann nicht gehen. Die Stasi-Akten mussten ausgewertet, die Diskussion über Spitzel und Mitläufer musste geführt werden. Aber das reicht nicht – Täter und Opfer sollten auch miteinander sprechen.

Als einmal ein Westdeutscher mit türkischen Wurzeln teilnahm und hinterher sagte: “Hier bin ich zum ersten Mal auf Augenhöhe behandelt worden”, da merkte Schmidt-Gödelitz: Es gibt überall Deutsche, die einander fremd sind, auch innerhalb einer Stadt, einer Straße, eines Wohnhauses. Deshalb öffnete er die Gespräche für die Kinder und Enkel von Migranten. Sie wurden nun auch in Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen geführt, mit immer mehr Moderatoren, die Schmidt-Gödelitz mit Hilfe von Psychologen ausbildete.

Eine junge Türkin erzählte in einer diesen neuen Gruppen unter Tränen von den Gastarbeitereltern in Deutschland, die sie allein in der Türkei zurückgelassen hatten. Nach der jungen sprach eine ältere Frau, erzählte von ihrer Flucht aus Danzig im Jahr 1945 und dem Elend, in dem sie lebte. Die junge Türkin kniete plötzlich vor der älteren Dame nieder. “Das wussten wir nicht, dass Deutsche auch Flüchtlinge waren. Die waren doch immer reich”, sagte sie.

Immer wieder passiert es, dass bei den Biografierunden einer zum ersten Mal in seinem Leben etwas ausspricht, was schon lange auf seiner Seele lastet. Und zusammenbricht. Es ist eben auch eine Art Gruppentherapie. Und ein individueller Geschichtsunterricht, aus dem keiner so herauskommt, wie er hineingegangen ist. “Hier fließt Emotionales und Kognitives zusammen”, sagte ein Hirnforscher, der an den Gesprächen teilgenommen hatte, hinterher. “Eine Erziehung zu Friedensfähigkeit”, sagt Schmidt-Gödelitz.

Während in den vergangenen Jahren immer mehr Geschichten von Migration und Entwurzelung in den westlichen Großstädten geteilt wurden, meldete sich auf dem Gut Gödelitz plötzlich kaum noch einer, um über das Leben vor dem Mauerfall zu sprechen. Das war ja auch nun mehr als zwanzig Jahre her. Und Schmidt-Gödelitz war vielleicht am Ziel: endlich ein Land, ein Volk. Wessis zogen massenhaft ins hippe Leipzig, und Ossis studierten in Freiburg, ohne sich noch Bananenwitze anhören zu müssen. Also gab er das Ende der deutsch-deutschen Biografiegespräche bekannt. Ein wenig wehmütig, aber doch zufrieden.

Womit er nicht gerechnet hatte, war der Sturm der Entrüstung, der daraufhin über ihn niederging: Jetzt aufhören? Es gebe doch noch so viel zu klären! Zu dieser Zeit marschierte Pegida durch Dresden. Ein “Wir sind das Volk!” schreiender Mob blockierte einen Bus mit Flüchtlingen. Und die sächsische Integrationsministerin Petra Köpping hörte immer wieder einen Satz: “Integriert doch erst mal uns.”

Deshalb machte Schmidt-Gödelitz weiter. Die Pegidisten kommen zwar nicht auf das Gut, aber eben doch viele Unzufriedene, die gehört haben, dass man hier mal seinem Unmut Luft machen kann. Das klingt heute anders als in den neunziger Jahren: Damals sprachen die Teilnehmer von einem Schock, als statt Freiheit und Luxus Massenarbeitslosigkeit und Leerstand kamen. Die Westdeutschen merkten, wie schnell die Stimmung kippte, wenn sie unbedacht sagten: “Wir aus Deutschland”. Die Ostdeutschen vermissten plötzlich, worüber sie sich in der DDR noch lustig gemacht hatten: das Lob, die Orden, den Zusammenhalt. Sie hatten von Coca-Cola geträumt, nun schien ihnen der Kapitalismus plötzlich gnadenlos. Ein ostdeutscher Anwalt sagte Schmidt-Gödelitz einmal: “Sag bloß keinem, dass ich Ossi bin. Sonst denken die, wir verlieren jeden Prozess.” Denn die Anwälte und Richter, die waren jetzt Wessis, ebenso wie die Lehrer und Professoren.

Der Schock hat sich mittlerweile gelegt, Bitterkeit und Angst sind geblieben. Auch Schmidt-Gödelitz erlebt, wie seine Heimat verödet: Die Schule im Dorf unten hat zugemacht, der Bürgermeister sitzt heute weit weg in Döbeln, sämtliche Ämter wurden nach Freiberg verlegt. Dafür müssten sich die Politiker entschuldigen, findet er, “wie sie dieses Land leer geräumt haben”. Und so redet er noch weiter von der Ungerechtigkeit im Leben, Cum-Ex-Geschäften und Reichen, die immer reicher werden. Hinter ihm hängt ein Foto der lächelnden Mutter, sein Blick aus dem Fenster des Herrenhauses gleitet über 160 Hektar Land. “Vieles im Leben ist Glück, die Aufgabe der Gesellschaft ist es, sie gerechter zu machen”, sagt der Gutsherr.

Quelle: Sonntagszeitung, 13.01.2019, POLITIK (Politik), Seite 6 – Ausgabe D1, D1S, D2, R (1501 Wörter), ©Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv