Farben des Verfalls – 54. Kunstausstellung des ost-west-forum Gut Gödelitz mit Arbeiten des Fotografen Burkhard Schade

Eröffnung am 9. Oktober 2021 um 18 Uhr in der Alten Schäferei von Gut Gödelitz als Vorprogramm der Veranstaltung mit Dr. Michael Lüders

Laudatio: Prof. Dr. Wendelin Szalai

Burkhard Schade wurde 1959 in Dresden geboren. In Radebeul bei Dresden hat er sein Abitur gemacht. Es folgte ein erfolgreich abgeschlossenes Ingenieurstudium. Seit 1980 beschäftigt er sich mit Fotografie. Über die Jahre ist dieses intensiv betriebene Steckenpferd autodidaktisch Beruf und Berufung geworden.

Burkhard Schade
© Burkhard Schade

Inzwischen lebt und arbeitet Burkhard Schade freischaffend von der und für die Fotografie. Unter www.lichtschnipsel.de findet man im Internet einen sehr informativen Überblick über sein fotografisches Schaffen, so über Einzel- und Gruppenausstellungen, über seine Fotokurse, über Beteiligungen an Buch- und Kalenderprojekten, und natürlich zahlreiche Fotos und Fotoserien, neben Porträt- und Landschaftsbildern solche von verlassenen und verfallenden Orten, von Ruinen. Viele thematische Reihen sind auf Studienreisen entstanden. Er hat in Italien und in der Türkei fotografiert, ebenso in der Slowakei, in Frankreich und in Nordamerika.

Die 25. Gödelitzer Ausstellung hatte unter dem Thema „Zwiegespräch“ Malerei von Petra Schade und Fotografie von Burkhard Schade gezeigt, darunter eine Serie ausdrucksstarker Porträtfotos zum Thema „Leben am Bosporus“. Porträt- und Landschaftsfotografie sehen wir in aller Regel als sinnvoll, schön und wichtig an. Warum aber lichtet Burkhard Schade alte, leerstehende, verfallende Gebäude und Räume ab? Was reizt ihn, was fasziniert ihn daran? Der Fotograf selbst gesteht in einem MDR-Filmbeitrag über seine Arbeit, dass er seine Faszination für Verfallsarchitektur gar nicht richtig erklären kann. Er spricht von Melancholie und Romantik sowie von einem Gefühl äußerer und innerer Ruhe und Stille, das er beim Betreten von lange Zeit unbenutzten und verfallenen Räume empfindet. An anderer Stelle erklärt er seine Motive und seine Arbeitsweise so: „Nicht die Sicht auf die Fassade, sondern der Blick dahinter ist mir wichtig. Dieser Gedanke treibt mich an, wenn ich mit Kamera und Stativ hinausziehe, um Augenblicke festzuhalten, Momente und Stimmungen einzufangen, „Lichtschnipsel“ zu konservieren. Unentwegt bin ich auf der Suche. Vergängliches und Vergangenes will ich aufspüren, Aktuelles und Einmaliges dokumentieren. Ein authentischer Blick auf die Motive ist mein Ziel und Anspruch. Mich interessieren Menschen und Gebäude und deren Geschichte und Geschichten, das Leben in alltäglichen Situationen und in Grenzbereichen.“

© Burkhard Schade

Burkhard Schade möchte mit seinen Bildern Vergangenes dokumentieren. Aber seine Bilder sind mehr als nur authentische Dokumentationen, wie man sie üblicherweise in Museen findet. Sie sind zugleich Kunst. Die Fotografie ist ja ein relativ junger Zweig am alten Stamm der bildenden Kunst. Bildende Kunst hat viel mit Sehen-Können zu tun. Burkhard Schade beherrscht diese Kunst des Sehens. Und so macht er ein Bild bereits mit dem Auge, bevor er auf den Kameraauslöser drückt. Auf ihn trifft zu, was die deutsch-französische Fotografin Gisèle Freund so formuliert hat: „Das Auge macht das Bild und nicht die Kamera.“

© Burkhard Schade

Fotografie als Kunst ist mehr als nur die nach wahr oder falsch fragende Dokumentation. Bei ihr geht es auch um solche Kategorien wie schön und hässlich, erhaben und lächerlich, tragisch und komisch. Burkhard Schade fotografiert so, dass selbst im Hässlichen Schönes sichtbar wird. Ein früher schöner Raum, der später verfallen und zum Schandfleck geworden ist, erscheint uns auf dem Foto ästhetisch reizvoll und schön. Burkhard Schade entscheidet bereits beim Sehen über den Bildausschnitt, den Blickwinkel und das Licht. Details werden wichtig, wie die abgeblätterte Farbe an einer Wand, ein verbogenes Bettgestell oder ein Paar umherliegende Damenschuhe. Ästhetisch reizvoll wirkt die Spiegelung eines Fensters im nassen Fußboden oder ein schönes Treppengeländer im Gegenlicht. Das Auge des Fotokünstlers erfasst noch vor der Kamera die Schönheit des Licht-Schatten-Spiels in einem großen runden Raum oder den Reiz eines aufgeklappten Flügels in einem verfallenen Festsaal. Aber auf den Fotos von Burkhard Schade ist nichts gestellt, nichts drapiert, nichts komponiert. Er lässt das Vorgefundene unverändert. Seine Bilder sind zugleich schön, wahr und authentisch. Burkhard Schades Aufnahmen sind an unterschiedlichen Orten entstanden. Sein 2014 im Mitteldeutschen Verlag erschienenes Buch trägt den Titel „Farben des Verfalls“ und den Untertitel „Vergessene Orte zwischen Dresden und Meißen“.

© Burkhard Schade
© Burkhard Schade

Es waren ein Dutzend verschiedener Orte, an denen er unterschiedliche Motive zu verschiedenen Tages- und Jahreszeiten abgelichtet hat. Seine Fotografien wirken wie mit Licht und Farben gemalte Stillleben. Der Buchtitel „Farben des Verfalls“ liefert das Thema seiner Gödelitzer Ausstellung, aber für diese hat Burkhard Schade auch Bilder ausgewählt, die in dem Buch nicht enthalten sind. Bilder von verlassenen Orten sind heute besonders beliebt. Ruinenfotografie ist ein zeitgemäßer Trend. Vielleicht sind Bilder von verlassenen Orten Ausdruck einer sehnsuchtsvollen Erinnerung an ruhige, übersichtliche, sichere Zeiten. Wir leben heute in einer schnelllebigen, lauten, unsicheren Zeit, medial überflutet und oft überfordert durch eine Überfülle an unterschiedlichen Wert- und Sinnangeboten.

Vielleicht können uns die ruhigen, menschenleeren Bilder von verfallenen, einst nützlichen und heute unnützen Orten helfen, zur Ruhe zu kommen. Sie können uns anregen, über den Zusammenhang von Wachstum und Verfall, von Werden und Vergehen nachzusinnen.

Beim Betrachten solcher Bilder kann uns die eigene Endlichkeit bewusst werden. Dies wiederum könnte das Nachdenken über die entscheidenden Werte und den Sinn unseres Lebens verstärken. Eine derart meditierende Betrachtung unserer neuen Ausstellung könnte vielleicht wie eine Art von Lebenshilfe wirken. Werden und Wachstum aber gehen dem Verfall nicht nur voraus, sie können auch dem Verfall folgen. Der antike griechische Philosoph Epiktet formulierte vor rund 1800 Jahren so: „Ruin und Wiederaufbau liegen dicht beieinander.“ Von Gotthold Ephraim Lessing stammt der Satz: „Die Ruinen des einen braucht die allzeit wirksame Natur zu dem Leben des anderen.“ Und Friedrich Schiller war sich sicher: „Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit, und neues Leben blüht aus den Ruinen.“

Burkhard Schades Bilder von verlassenen und verfallenden Orten regen ganz unmittelbar zu Fragen nach dem Davor und dem Danach an: Wozu mag dieser ruinöse Raum einst gedient haben? Was könnte vielleicht mal aus ihm werden? Für die Antworten eröffnen sich unserer Fantasie weite Räume. Aber auch in der Wirklichkeit ist aus zahlreichen Ruinen neues Leben erblüht. Das Gut Gödelitz selbst ist dafür ein beredtes Beispiel.

Unsere neue Ausstellung bietet mit den Fotografien von Burkhard Schade über die „Farben des Verfalls“ viele und vielfältige Wirkmöglichkeiten: Diese Bilder können bei uns Betrachtern ganz individuell und sehr unterschiedlich Erinnerungen auslösen. Sie können Fragen provozieren und zum Nachdenken anregen. Sie können ein Gefühl von Ruhe erzeugen, und zur Besinnung ermutigen. Sie können die Fantasie befördern und Freude an Schönem bereiten. Sie können Hoffnung auf neues Leben aus Ruinen machen. Probieren wir es einfach aus.

Die Arbeiten von Burkhard Schade werden auch bei der Novemberveranstaltung des „ost-west-forums Gut Gödelitz“ zu sehen sein. Besuche außerhalb von Veranstaltungen sind telefonisch unter 034325-20434 zu vereinbaren.