Stille Orte – Weite Landschaften

Am 17. Juni 2013 eröffnete das ost-west-forum Gut Gödelitz seine 24. Kunstausstellung mit Arbeiten des Grafikers und Malers Hans-Jürgen Reichelt.

Der 1956 im Erzgebirge geborene H.-J. Reichelt wollte immer schon Künstler werden.
Auf dem „Umweg” über das Studium zum Restaurator mit einer Spezialisierung auf Wandmalerei und über das ständige autodidaktische Vervollkommnen in Grafik und Malerei hat er sich seinen Berufswunsch erfüllt. Quer zum Zeitgeist und unbeeindruckt von schnell wechselndes Modernismen hat er vor allem in den „alten” klassischen bildkünstlerischen grafischen Drucktechniken der Radierung und der Aquatintaradierung bereits ein umfangreiches und unverwechselbares Werk geschaffen.

Hans-Jürgen Reichelt hat seiner Gödelitzer Ausstellung den Titel „stille Orte – weite Landschaften” gegeben. Stille und Ruhe sind dem Künstler wichtig. Das kann als Gegenstück zur oft überlauten und hektischen Gegenwart gesehen werden. Mit weltflüchtender passiver Rückschau hat es aber nichts zu tun.

 

Hans-Jürgen Reichelt  vor seinem Atelier

Hans-Jürgen Reichelt vor seinem Atelier

Der Künstler selbst spricht „vom Besinnenwollen, vom Innehalten nach Stress und Lebenschaos, vom Suchen des Wesentlichen im ganz eigenen Leben, vom Suchen nach dem zeitlos Beständigen”.

Zum frühen Schaffen von Hans-Jürgen Reichelt gehören die Blätter mit den letzen Bauernhäusern des Erzgebirges. Bei ihnen handelt es sich um stille Orte im wahrsten Sinne des Wortes. Diese Grafiken haben einen dokumentarischen Charakter. In ihnen erkennt man den Restaurator als Bewahrer des Alten, des Wertvollen, des Schönen. Die große ästhetische Wirkung der Arbeiten liegt in den kunstvoll inszenierten Spannungen von Hell und Dunkel, von zarter Linie und wuchtiger Fläche, von Realem und Fiktivem. Ähnlich wie bei den Fotografien von Leo Pompinon in der 23. Gödelitzer Ausstellung spürt man auch bei Hans-Jürgen Reichelt die Schönheit verlassener Orte, den Hauch von Romantik, die Faszination des Morbiden, den Verfall als Augenweide. Es hat diese Orte gegeben. Der Künstler hat sie so gesehen. Und weil er sie so abgebildet hat, gibt es sie bleibend als Erinnerung.

reicheltstadt

 

Ein späterer Bestandteil des grafischen Werkes von H.-J. Reichelt ist die Serie vom „Antiquar”. Unter einem Antiquar verstand man früher einen Altertumsforscher und –kenner, heute meint man eingeengt einen Händler, der gebrauchte Bücher, Kunstblätter, Noten o. Ä. kauft und verkauft. In jedem Fall handelt es sich um einen Geschichts- und Geschichtenkenner mit Kunstverstand. Bei diesen Radierungen handelt es sich um echte Hingucker in feinster Gravur. Alle Dinge auf diesen Blättern sind real und unwirklich zugleich. Man erblickt fantastische Räume mit fantastischen Gegenständen und Konstruktionen. Zeiten, Perspektiven, Landschaften, Orte, Menschen und Pflanzen fügen sich unwirklich zu magisch-visionären Bildern. Alle Konturen und Modellierungen sind aus fein gezogenen, schraffierten, geätzten Linien aufgebaut. Wahrscheinlich hat der Antiquar eine gewisse Ähnlichkeit mit seinem Erschaffer. H.-J. Reichelt selbst spricht von seiner „literarischen und philosophischen Lebenssuche”. Möglicherweise sind diese rätselhaften, fantasievollen, märchenhaften, zeitlos gültigen Räume aus Licht und Dunkelheit, aus Linien und Strukturen, aus realistischen und unwirklichen Dingen auch eine Flucht aus vordergründiger und kritikloser Modernität in eine Gegenwelt aus Vergangenheit und Utopie.

Die jüngsten Porträts der Schriftstellerinnen Ingeborg Bachmann und Herta Müller sprechen von seiner Droge Literatur, dem mitunter lebenswichtigsten Beistand neben seiner Lebensgefährtin, der Malerin und Grafikerin Maja Nagel aus Nossen-Eula.

Ich habe den Künstler bei meinem Besuch in seinem Dresdener Wohnatelier als einen sehr belesenen und tief nachsinnenden philosophischen Kopf erlebt. „Lebensgerecht” und „kunstgerecht” gehören für ihn zusammen. Gerade in den Antiquar-Blättern erlebt ihn der Betrachter als kenntnisreichen, tiefsinnigen, fantasievollen Erzähler. Mit Stift, Feder, Nadel und Pinsel, meist in schwarz-weiß, erzählt Hans-Jürgen Reichelt seine Geschichten. Diese enthalten viele Andeutungen und wahrscheinlich auch manche Hintergedanken. Damit bieten sie der Fantasie der Betrachter ungeahnt weite Räume.

Seit 2008 gibt es farbige Landschaftsbilder von H.-J. Reichelt. In Aqarell-, Öl- und Acrylmalerei hält er die Schönheit seiner näheren Heimat fest. Am Einladungsbild „Frühling bei Crostwitz” kann man exemplarisch sehen und empfinden, wie Landschaften als stille und weite Orte gesehen und erlebt werden. Die atmosphärische Stimmung der Arbeiten beeindruckt. Aber die „weiten Landschaften” können auch den weiten, tiefen, inneren Blick auf die Natur und auf das Verhältnis von Mensch und Natur meinen. Bei allem Fortschritt und aller Moderne dürfen wir nicht glauben, dass die Erde dem Menschen gehört, sondern der Mensch der Erde.

Gut Gödelitz ist ein stiller Ort in einer weiten Landschaft.
Und der hier beheimatete Bürgerverein, das „ost-west-forum Gut Gödelitz”, versteht sich als „ein Ort zum Zuhören, Denken, Diskutieren und Erholen”. Darum passen die Arbeiten von Hans-Jürgen Reichelt so gut hierher. Die Mitglieder und Freunde des Bürgervereins und alle Besucher von Gut Gödelitz sind zum fantasiereichen Schwelgen in den nachdenklichen Bilderwelten des H.-J. Reichelt eingeladen. (Text von Wendelin Szalai)

Biografie Hans-Jürgen Reichelt

1956               in Olbernhau / Erzgebirge geboren
1963 – 1975 Kindheit und Schulzeit in Seiffen / Erzgebirge
1979 – 1982 Studium der Restaurierung in Potsdam, Rückkehr nach Seiffen
1982 – 1986 Neben der Arbeit als Restaurator im Freilichtmuseum Seiffen Ausbau eines Holzmacherhauses von 1820 zum Atelierwohnhaus, erstes Erkunden verlassener Bauernhäuser zwischen Seiffen und Dresden
1986 Aufgeben der Arbeit als Museumsrestaurator und Konzentration auf das Radieren und Malen
1990 Beginn des freiberuflichen Arbeitens als Restaurator, Maler und Grafiker
1993 Aufnahme in den Sächsischen Künstlerbund Dresden
1999 Umzug nach Dresden
2000 Beginn der Arbeit an magisch-visionären Radierungen
2003 – 2007 Mitarbeit in der Produzentengalerie Oberlicht in Radebeul- Altkötzschenbroda
2007 Beginn des Ausbaus eines alten Fachwerkhauses in der Lommatscher Pflege und Einrichten eines Gemeinschaftsateliers mit der Malerin Maja Nagel in Dresden-Pieschen

 

Einzelausstellungen

1992               Galerie Taube in Berlin
1994 Galerie Süd in Leipzig
1996 Galerie Skell in Schmiedeberg
2000 Altes Rentamt in Mindelheim
2001 Lessingtheater in Kamenz
2003 Käthe-Kollwitz-Stiftung in Moritzburg
2004 Max-Planck-Institut in Dresden
2005 Frauenhofer Institut in Dresden
2005 Galerie Kunstlade in Zittau
2008 Galerie Treibhaus in Dresden-Neustadt
2009 Galerie Schmidt-Rotluff in Chemnitz
2011 Galerie Kalaschnikow in Dresden-Neustadt
2011 Galerie in der Landesdirektion Dresden
2013 Rathausgalerie in Sankt Ingbert