Döbelner Allgemeine Zeitung – Was bleibt sind Fragen

14.05.2012

Jo Goll stellte am Sonnabend sein Buch über einen Ehrenmord in Deutschland vor

 

Gödelitz (JS). Noch nie waren bei einem Vortrag auf Gut Gödelitz so wenig Gäste wie am Sonnabend. Jo Goll hat sein Buch „Ehrenmord ein deutsches Schicksal“ vorgestellt. Es beleuchtet die Umstände des Mordes an der kurdisch-türkischen Deutschen Aynur Hatun Sürücü 2005. Sie wurde von ihrem Bruder in Berlin auf der Straße erschossen.

Warum? Dieser Frage gehen die beiden Journalisten in ihrem Buch nach. Aus den Recherchen ist auch eine Fernsehdokumentation entstanden, Ausschnitte davon wurden am Abend gezeigt. Die Autoren fragen den Täter, Ayhan Sürücü im Gefängnis nach seinen Beweggründen: „Weil eine Frau so nicht leben darf“, sagt der streng religiöse Moslem, der die Ehre seiner Familie wieder herstellen wollte. Seine Schwester hat versucht, ein eigenes, selbstbestimmtes Leben zu führen.

Der Mord hat eine bundesweite Debatte über Parallelgesellschaften, unterschiedliche Wertesysteme und Integration ausgelöst, in der wenig nachgefragt, viel mit dem Finger auf die „Einwanderer“ gezeigt wurde und die dümmsten Theorien schließlich die beliebtesten waren. In Döbeln hörten 800 Besucher die Lesung des ehemaligen Finanzsenators und Buchautoren von „Deutschland schafft sich ab“, Thilo Sarrazin. Jo Goll sprach mit den Menschen statt über sie, nicht, um dem Täter eine Bühne zu schaffen, aber auch nicht, um ihn vorzuführen, sondern um zu zeigen, dass dieFrage nach dem „Warum“ nicht nur eine Frage an so genannte Parallelgesellschaften ist, in denen der muslimische Glaube, mitten in einer Stadt wie Berlin teilweise strenger gelebt wird, als in einem türkischen Bergdorf, sondern zu einer Frage führt, die die gesamte Gesellschaft betrifft: Warum flüchten Menschen, die in Deutschland geboren, gelebt und zur Schule gegangen sind, in den religiösen Wahn?

Es gibt keine Antwort auf diese Frage, die Ehrenmorde rechtfertigt. Daran bestand in der Diskussion mit dem Publikum gar kein Zweifel. Aber dieser sinnlose und verzweifelte Kampf, die „Ehre“ der Familie retten zu wollen, in dem man die Schwester umbringt, kann nur jemand führen, dessen Selbstwertgefühl am Boden liegt, vermutete der Gast Wolfgang Winkler. Dann brauche man etwas Höheres als sich selbst. Die Nation und die Religion waren auch in Deutschland bekannte Größen der Geschichte, in deren Namen man sich selbst aufgab und andere opferte. Der Mord an seiner Schwester war der „größte Fehler meines Lebens“, erzählt Ayhan Sürücü den Journalisten. Aber das zählt kaum, denn er war auf unverständliche Weise auch richtig für ihn. Eine „kaltblütige Tat mit Hinrichtungscharakter“, urteilte der Richter. Das Buch erzählt laut Goll die Geschichte eines Täters. Es klang beinahe vermessen, als er sagte, der 23-Jährige sei auch Opfer bestimmter Umstände gewesen. Aber vielleicht ist es gerade richtig, den Blick auf diese Umstände zu werfen, um solche lebensverachtenden Zustände zu verhindern. In diesem Sinne ist das Buch sicherlich aufschlussreich