„Sichtbarkeit ist eine Form des Wachstums“

46. Kunstausstellung des „ost-west-forum Gut Gödelitz e. V.“ mit Arbeiten des Künstlerpaares Thomas Hellinger und Doris Titze

Die Ausstellung wurde am  1. Dezember 2018 eröffnet und ist bis Mitte März 2019 zu sehen.

Laudatio: Prof. Dr. Wendelin Szalai

Die Laudatio von Prof. Dr. Wendelin Szalai steht hier zum download zur Verfügung: Laudatio

Liebe Mitglieder und liebe Freunde des ost-west-forum Gut Gödelitz, meine Damen und Herren,

im Namen des Vorstandes unseres Bürgervereins begrüße ich Sie alle zu einer neuen Veranstaltung in unserer monatlichen Samstagabendreihe. Wir beginnen mit der Eröffnung einer neuen Kunstausstellung. Es ist unsere 46. Und es ist die letzte in diesem Kalenderjahr. Zu sehen ist eine Gemeinschaftsausstellung zweier Künstler. Unseren Stammbesuchern sind beide bereits aus Einzelausstellungen bekannt. Es handelt sich um Doris Titze und ihre grafischen Arbeiten sowie um Thomas Hellinger und seine Malereien .

Beide sind nicht nur ein Künstler- sondern auch ein Ehepaar. Beide sind zur Eröffnung ihrer Gemeinschafsausstellung nach Gödelitz gekommen.

Liebe Frau Professor Titze und lieber Herr Hellinger, seien sie in unserer Mitte ganz herzlich willkommen.

Bereits auf den ersten Blick können wir feststellen, dass wir es in dieser Ausstellung mit  nichtgegenständlichen oder abstrakten bildkünstlerischen Arbeiten zu tun haben. Von unseren bisherigen Ausstellungen wissen wir, dass bei abstrakten Bildern der Deutungsspielraum für uns Betrachter besonders groß und unsere Phantasie besonders gefragt ist. Wichtig ist bei solchen Arbeiten weniger das, was wir auf ihnen sehen, sondern das, was wir in ihnen sehen.

Wir schauen gewissermaßen in die Bilder hinein, spüren dem nach, was sie in uns selbst auslösen an Empfindungen, an Stimmungen, an Gefühlen, an Gedanken, an Fragen, an Erwartungen oder auch an Befürchtungen. Der Blick in die Bilder kann auch zu einem Blick in uns selbst werden. Und obwohl wir auf den Bildern alle dasselbe sehen, können wir zu sehr unterschiedlichen eigenen inneren Bildern gelangen.

Ein verstehender und deutender Zugang zu den Bildern unserer neuen Ausstellung fällt uns wahrscheinlich  leichter, wenn wir etwas über die Biografie der Künstler wissen, möglichst auch etwas über ihre künstlerischen Ansichten und Absichten. Deshalb möchte ich Ihnen beide kurz vorstellen und zu ihren Arbeiten einige Anmerkungen machen. Ein ausführliches Gespräch, das ich mit ihnen in ihren Ateliers geführt habe, erleichtert mir das.

Doris Titze, o. T., 2015, Bleistuft/Papier, 126 x 90 cm (Foto: Thomas Hellinger)

Doris Titze ist 1953 in Rosenheim geboren. In München hat sie ein Studium für Lehramt an Grund- und Hauptschulen mit dem Staatsexamen abgeschlossen. Es folgte ein sechsjähriges Studium für Grafik und Malerei an der Münchener Kunstakademie. Seit 1984 ist Doris Titze als freischaffende Künstlerin tätig. Als Auslandsstipendiatin  hat sie in Wien und Toronto gearbeitet. In München folgte noch ein zweijähriges Studium der Fachrichtung Bildnerisches Gestalten und Therapie. Danach  hat sie das Fach Kunsttherapie an verschiedenen Hochschulen gelehrt. So von 1997 bis 2002 in einer  Professur an der Nürtinger Hochschule für Kunsttherapie. Seit 2002 lehrt sie als Professorin an der Dresdener Hochschule für Bildende Künste. Sie leitet den Aufbaustudiengang KunstTherapie. Doris Titze hat viel über Kunsttherapie veröffentlicht.  Sie ist Herausgeberin der Publikationsreihe „Die Kunst der KunstTherapie“. Und natürlich hat sie immer auch gezeichnet und gemalt. Arbeiten von ihr waren auf Ausstellungen im In- und Ausland zu sehen.

 

Thomas Hellinger (Foto Doris Titze)

Thomas Hellinger ist 1956 in Konstanz geboren. Er hat zunächst an der Münchener Kunstakademie und danach an der Berliner Kunsthochschule studiert. Es folgte ein postgraduales Studium in Toronto. Danach war er sechs Jahre Assistent an der Münchener Kunstakademie. Seit 25 Jahren ist er mit unterschiedlichen Lehraufträgen und Projektbegleitungen aktiv. Seit 2002 lebt und arbeitet er in Dresden. Er ist Vorstandsmitglied im Dresdener Künstlerbund. Arbeiten von ihm waren auf zahlreichen Einzel- oder Gemeinschaftsausstellungen zu sehen, so – in alphabetischer Reihe – zum Beispiel in Berlin, Cleveland, Frankfurt, Karlsruhe, Luxemburg, Meißen, Nürtingen, Oberhausen, Slubice, Toronto, Wroclaw und Zürich. Thomas Hellinger wurde mit dem Bayerischen Staatsförderpreis für Bildende Kunst und dem Nymphenburger Kunstpreis für Malerei ausgezeichnet. Im vergangenen Jahr war er mit einem Reisestipendium der Stadt Dresden in Cleveland, Ohio.

Auf einer Infotafel am Eingang kann man die Lebensläufe der Künstler etwas detaillierter nachlesen. In einem Text erklären sie dort auch den Titel ihrer Ausstellung „Sichtbarkeit ist eine Form des Wachstums“. Und sie schreiben über ihre künstlerischen Ansichten und Absichten. Beide verbindet die Absicht, mit ihren Bildern nichts abbilden zu wollen. Sie wollen nicht das Sichtbare wiedergeben, sondern etwas sichtbar machen. Sie wollen bei den Betrachtern eine Wahrnehmung erzeugen, Assoziationen hervorrufen. Im Schauen soll man etwas besser begreifen, soll man sich selbst besser begreifen.

Dieses Schauen unterscheidet sich von einem nach außen gerichteten, konkreten, zweckgebundenen Sehen. Es ist mehr nach innen gerichtet und kann etwas Meditierendes an sich haben. Es geht weniger um das, was wir sehen, sondern wie wir sehen. Mir kommt in diesem Zusammenhang ein schönes Zitat in den Sinn. Es stammt aus dem wunderbaren Büchlein „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ Beiden Künstlern geht es um den Blick auf das Wesentliche. Es geht um die Sichtbarkeit des Wichtigen. Im Schauen können wir besser begreifen, was uns in unserem Menschsein, unserer Individualität, prägt, ausmacht und antreibt, was für uns sinnstiftend und orientierend ist.

Thomas Hellinger und Doris Titze streben diese gemeinsame Absicht auf künstlerisch unterschiedliche Art und Weise an. In den malerischen Arbeiten von Thomas Hellinger geht es um Raum. Normalerweise sehen wir einen Raum und die Dinge im Raum von einem bestimmten Standort aus, aus einem bestimmten Blickwinkel, aus einer bestimmten Perspektive. Ändern wir Standort, Blickwinkel, Perspektive, dann sehen wir denselben Raum anders , wir nehmen ihn anders wahr. Seine Sichtbarkeit ändert sich. Aber der Raum selbst und die Dinge in ihm bleiben unverändert. Normalerweise zeigt uns jedes einzelne Bild eine ganz bestimmte Perspektive.

Thomas Hellinger, Transit 2, 2013, Öl/Nessel, 150 x 400 cm (Foto: David Brandt)

Thomas Hellinger aber vereint in einem einzigen Bild verschiedene Perspektiven, mehrere Stand- und Zeitpunkte. Seine Arbeiten sind multiperspektivisch. Das ist für uns Betrachter auf den ersten Blick vielleicht ungewohnt. Wir vermissen vielleicht die Klarheit und Sicherheit einer Zentralperspektive. Ein anderes Sehen, ein Schauen in das Bild hinein und in uns selbst wird gebraucht und angeregt. Thomas Hellinger weitet in seinen Bildern die Sichtbarkeit des Raumes und der Dinge aus.

Er macht mehr sichtbar als wir sonst in einem Bild sehen. Er geht dazu auch mit seinen Bildformaten in die Breite. Extreme Querformate drücken diese Ausbreitung von Wahrnehmung und Sichtweise aus. Sein stark querformatiges  Bild an der Stirnseite unserer Alten Schäferei läßst eine Bewegung in unserer gewohnten Blickrichtung erkennen. In dieser Richtung werden die Farben heller, wird die Wahrnehmung klarer, wird die Sichtbarkeit deutlicher.

Doris Titze ist in ihren großformatigen grafischen Arbeiten mit dem Zeichenstift auf der Suche nach für sie Wesentlichem. Ausgehend von den Grundformen macht sie das mit Linien und Linienstrukturen,  mit Linien, die sich annähern und abstoßen, die sich verdichten oder Abstand wahren. Im Unterschied zu Thomas Hellinger geht in ihrer von Grundformen ausgehenden Suche nach Wesentlichem in die Tiefe statt in die Breite. Ihre runden Linienstrukturen können eine regelrechte Sogwirkung entfalten. Unser Blick wird nach innen geführt. Wir schauen in uns selbst, darauf, was uns prägt, führt und hält, was für uns wesentlich ist.

Wir sehen, liebe Freunde, meine Damen und Herren,  dass  beide  Künstler im tiefen Schauen Wesentliches erfassen  und sichtbar möchten. Beide wollen mit ihren Bildern uns Betrachter zu einer solchen Suche anregen, zum verstehenden Schauen führen. Sie möchten bei uns Stimmungen, Gefühle, Gedanken, Fragen auslösen. Diese können von Betrachter zu Betrachter ganz unterschiedlich sein. Das hängt von vielen Faktoren ab, so von Alter und Beruf, von Weltanschauung und Geschichtsbild, von Interessen und Neigungen, aber auch von der augenblicklichen Verfasstheit und Stimmung.

Lassen Sie mich abschließend mit einigen sehr persönlichen Bemerkungen andeuten, was die Bilder von Doris Titze und Thomas Hellinger heute bei mir, in mir auslösen, einem 79 jährigen Lehrer und Historiker, einem politisch interessierten Menschen, einem besorgten und engagierten Bürger. Meine inneren Bilder bestehen aus Gefühlen, Gedanken, Fragen und Bedenken.

Bei dem Schauen auf und dem Nachdenken über die Bilder von Thomas Hellinger kommen mir die Begriffe Perspektivenwechsel, Empathie und Toleranz in den Sinn. Wir beurteilen Dinge, Zustände, Ereignisse und Menschen aus unserer ganz persönlichen  Sicht, unserer persönlichen Perspektive. Wir haben unsere eigenen Ansichten über die Welt, über die Geschichte, über ein gutes Leben. Und natürlich halten wir unsere eigenen Ansichten für richtig und wahr. Diese unsere inneren Wahrheiten  bestimmen unser Denken, Reden und Verhalten.

Die entscheidende Frage lautet: Gestehen  wir auch anderen Menschen ihre eigenen inneren Wahrheiten zu – auch dann, wenn sie von unseren abweichen?  Sind wir fähig und bereit, Vorgänge und Zustände auch aus dem Blickwinkel anderer Leute zu sehen? Ein derartiger Perspektivenwechsel ermöglicht uns Einfühlungsvermögen und Fremdverstehen. Er ermöglicht uns Toleranz  gegenüber Menschen, die anders sind, anders denken und anders urteilen als wir. Was Toleranz ist, warum sie wichtig und oft schwierig ist, darüber haben wir in unserer Novemberveranstaltung gesprochen.

Doris Titze, o. T., 2015, Bleistuft/Papier, 126 x 90 cm (Foto: Thomas Hellinger)

Welche inneren Bilder lösen die Arbeiten von Doris Titze bei mir aus? Dieser Künstlerin und Kunstwissenschaftlerin geht es um Sichtbarsein und Wahrnehmen von Wesentlichem.  Was aber ist wesentlich in dem Sinne, dass es dem Leben Sinn gibt, dass es dem Denken, Verhalten und Handeln Orientierung gibt? Ich glaube, das hat was mit Werten zu tun.

Beim Blick auf und in die Bilder von Doris Titze  denke ich an Werte und Wertvorstellungen , an Wertewandel und Werteverfall. Werte drücken aus, was einem Menschen im Leben wichtig ist, was als gut und erstrebenswert betrachtet wird. Werte wirken wie Leitlinien, die Halt und Orientierung geben können. Aber Werte sind nicht eindeutig und nicht einheitlich definiert. Es gibt keine vollständige oder gar verbindliche Werteliste.

In diesem Sinne ist jeder Mensch für seine Wertvorstellungen verantwortlich. Aber wie gelangt ein Mensch zu seinen Werten? Wie kommen wir zu unseren Werten? Prägend werden sie uns zuerst von unseren Eltern und Großeltern weiter gegeben. Das geschieht durch Vorbild und Nachahmung, aber auch durch Unterweisung und Belehrung. In der Schule herrschen Belehrung und Unterweisung vor. Im Ethikunterricht und im Religionsunterricht geht es um Wertevermittlung und Werteaneignung, um das Lernen von Werten, um Werteerziehung.

Allgemein unterscheidet man zwischen inneren oder moralischen Werten wie Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit, Respekt, Friedfertigkeit, Empathie, Toleranz, Hilfsbereitschaft usw. sowie äußeren oder materiellen Werten wie Besitz, Einfluß, Macht, Reichtum, Aussehen, Schönheit etc. Wenn heute oft über Werteverfall geklagt wird, ist meist das Übergewicht der äußeren über die inneren, der materiellen über die moralischen Werte gemeint. Auch unsere Sprache verrät eine Überbetonung materieller Werte. Wertpapiere , Marktwert oder Unterhaltungswert erfahren heute eine große Wertschätzung. Moralische Werte dagegen werden unter Wert gehandelt.

Der Dalai Lama formuliert so: „Es geht darum, ein Gleichgewicht herzustellen zwischen materieller Entwicklung und menschlichen Werten.“

In unserer offenen, pluralistischen, digitalen Mediengesellschaft wird Kindern und Jugendlichen auch ein großes Angebot an vor allem äußeren und negativen inneren Werten gemacht. Gier, Geiz, Rücksichtslosigkeit, Hass und Gewalt spielen bei der Jagd nach Auflagenhöhe und Einschaltquote in den Medien eine große Rolle. Versuchung und Verführung sind für Heranwachsende groß. Das macht mich als alten Lehrer und als Großvater besorgt. Aus meiner Sicht sollten Werteerziehung und Medienerziehung eine zunehmend wichtige Aufgabe von Schule und Eltern sein.

Sie sehen, liebe Freunde, meine Damen und Herren, was mir bei den Bildern unserer neuen Ausstellung durch Herz und Sinn geht, welche Fülle an Gedanken, Fragen und Bedenken die Arbeiten von Doris Tietze und Thomas Hellinger, das Hineinschauen in ihre Bilder und in mich, bei mir auslösen. Lassen auch Sie sich auf eine Begegnung mit diesen Bildern ein. Spüren Sie aufmerksam dem nach, was diese Bilder in Ihnen auslösen.

Der Deutungsspielraum ist groß, die Begegnung mit einem Bild ist ganz individuell. Nehmen Sie sich für das Schauen und Nachdenken  Zeit. Diese Ausstellung wird bis Ende Februar zu sehen sein. Am 16. März eröffnet unser Bürgerverein seine  47. Kunstausstellung. Ich wünsche Ihnen vor, mit und zu den Bildern von Doris Titze und Thomas Hellinger gute Gefühle, erhellende Gedanken und anregende Freude.