„Sichtbarkeit ist eine Form des Wachstums“

46. Kunstausstellung des „ost-west-forum Gut Gödelitz e. V.“ mit Arbeiten des Künstlerpaares Thomas Hellinger und Doris Titze

Eröffnung am 1. Dezember 2018  um 18:00 Uhr

als Vorprogramm der monatlichen Samstagabendveranstaltung unseres Bürgervereins zum Thema „Ethik wichtiger als Religion?” mit Prof. Dr. Wolfgang Huber, Bischof a. D.

Laudatio: Prof. Dr. Wendelin Szalai

Gezeigt wird eine Gemeinschaftsausstellung zweier Künstler. Unseren Stammbesuchern sind beide aus Einzelausstellungen bekannt. Es handelt sich um Doris Titze und ihre grafischen Arbeiten sowie um Thomas Hellinger und seine Malereien. In dieser Ausstellung haben wir es mit ungegenständlichen bildkünstlerischen Arbeiten zu tun.

Von unseren bisherigen Ausstellungen wissen wir, dass bei abstrakten Bildern der Deutungsspielraum für uns Betrachter besonders groß und unsere Phantasie besonders gefragt ist. Wichtig ist weniger das, was wir auf den Bildern sehen, sondern das, was wir in ihnen sehen. Wir schauen gewissermaßen in die Bilder hinein, spüren dem nach, was sie in uns selbst auslösen an Empfindungen, an Stimmungen, an Gefühlen, an Gedanken, an Fragen, an Erwartungen oder auch an Befürchtungen. Der Blick in die Bilder kann auch zu einem Blick in uns selbst werden.

Beide Künstler verbindet die Absicht, mit ihren Bildern nichts abbilden zu wollen. Sie wollen nicht das Sichtbare wiedergeben, sondern etwas sichtbar machen. Sie wollen bei uns Betrachtern Wahrnehmungsprozesse erzeugen, Assoziationen hervorrufen. Im Schauen kann man etwas besser begreifen, kann man sich selbst besser begreifen.

Im Schauen können wir uns tiefer bewusst werden, was uns in unserem Menschsein, unserer Individualität prägt, ausmacht und antreibt. Dieses Schauen unterscheidet sich von einem nach außen gerichteten, konkreten, zweckgebundenen Sehen. Es ist mehr nach innen gerichtet und kann etwas Meditierendes an sich haben. Es geht weniger um das, was wir sehen, sondern wie wir sehen.

Thomas Hellinger und Doris Titze streben diese gemeinsame Absicht auf künstlerisch unterschiedliche Art und Weise an.

In den malerischen Arbeiten von Thomas Hellinger geht es um Raum und Zeit. Normalerweise sehen wir einen Raum von einem bestimmten Standort aus und zu einem bestimmten Zeitpunkt. Ändern wir Standpunkt und Zeitpunkt, dann sehen wir denselben Raum anders, wir nehmen ihn anders wahr. Lediglich unsere Wahrnehmung, unsere Perspektive ändert sich, der Raum selbst bleibt unverändert. Normalerweise zeigt uns jedes einzelne Bild eine ganz bestimmte Perspektive. Thomas Hellinger aber vereint in einem einzigen Bild verschiedene Perspektiven, mehrere Stand- und Zeitpunkte. Er weitet in seinen Bildern die Sichtbarkeit des Raumes und der Dinge aus. Er macht mehr sichtbar, als wir sonst in einem Bild sehen. Er geht dazu auch mit seinen Bildformaten in die Breite. Extreme Querformate drücken diese Ausbreitung von Wahrnehmung und Sichtweise aus.

Thomas Hellinger, Transit 2, 2013, Öl/Nessel, 150 x 400 cm (Foto: David Brandt)

 

 

 

 

 

 

 

Doris Titze geht in ihren großformatigen grafischen Arbeiten mit dem Zeichenstift von Grundformen aus, auf der Suche nach für sie Wesentlichem. Im Unterschied zu Thomas Hellinger geht sie bei diesem Suchen in die Tiefe statt in die Breite. Ihre runden Linienstrukturen können eine regelrechte Sogwirkung entfalten. Unser Blick wird in die Bilder hineingeführt. Wir schauen auf den Rhythmus der Linien zueinander, ihre Bewegung und Gegenbewegung, ihr Verdichten und Lösen. Wir erfahren uns selbst im Schauen.

Doris Titze, o. T., 2015, Bleistuft/Papier, 126 x 90 cm (Foto: Thomas Hellinger)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Biografisches:

Prof. Doris Titze (Foto Thomas Hellinger)

Doris Titze ist 1953 in Rosenheim geboren. In München hat sie ein Studium für Lehramt an Grund- und Hauptschulen mit dem Staatsexamen abgeschlossen. Es folgte ein sechsjähriges Studium für Grafik und Malerei an der Münchener Kunstakademie. Seit 1984 ist Doris Titze als freischaffende Künstlerin tätig. Als Auslandsstipendiatin  hat sie in Wien und Toronto gearbeitet. In München folgte noch ein zweijähriges Studium der Fachrichtung Bildnerisches Gestalten und Therapie. Danach hat sie das Fach Kunsttherapie an verschiedenen Hochschulen gelehrt, so von 1997 bis 2002 in einer Professur an der Nürtinger Hochschule für Kunsttherapie. Seit 2002 lehrt sie als Professorin an der Hochschule für Bildende Künste Dresden. Sie leitet den Aufbaustudiengang KunstTherapie.

Prof. Doris Titze ist Herausgeberin der Publikationsreihe „Die Kunst der Kunst Therapie“.

 

Thomas Hellinger (Foto Doris Titze)

Thomas Hellinger ist 1956 in Konstanz geboren.

Er hat zunächst an der Münchener Kunstakademie und danach an der Berliner Kunsthochschule studiert. Es folgte ein postgraduales Studium in Toronto. Danach war er sechs Jahre Assistent an der Münchener Kunstakademie. Seit 25 Jahren ist er mit unterschiedlichen Lehraufträgen und Projektbegleitungen aktiv. Seit 2002 lebt und arbeitet er in Dresden. Er ist Vorstandsmitglied im Dresdener Künstlerbund.

Arbeiten von ihm waren auf zahlreichen Einzel- oder Gemeinschaftsausstellungen zu sehen, so – in alphabetischer Reihe – zum Beispiel in Berlin, Cleveland, Frankfurt, Karlsruhe, Luxemburg, Meißen, Nürtingen, Oberhausen, Slubice, Toronto, Wroclaw und Zürich.

Thomas Hellinger wurde mit dem Bayerischen Staatsförderpreis für Bildende Kunst und dem Nymphenburger Kunstpreis für Malerei ausgezeichnet. Im vergangenen Jahr war er mit einem Reisestipendium der Stadt Dresden in Cleveland, Ohio.

Die Kunst vermittelt keine Werte, sondern ist ein Angebot an uns Menschen, uns auf ein sichtbares Gegenüber einzulassen. Wir können eine transformierte Realität wahrnehmen, die uns zu persönlichen Gedanken und Empfindungen anregt, Phantasien und Emotionen freisetzt und am Ende eigenes Erkennen und Erkenntnis ermöglicht. Dies ist ein Wert an sich.

Lassen wir uns auf eine Begegnung mit den Arbeiten von Doris Titze und Thomas Hellinger ein. Spüren wir schauend und nachsinnend dem nach, was diese Bilder in uns auslösen. Vielleicht tangiert dies dann die Frage nach dem für uns und unsere Gesellschaft Wesentlichen, vielleicht berührt es die Frage nach wesentlichen Werten, nach Wertewandel oder Werteverfall.

Die Begegnung mit einem Bild ist ganz individuell. Der Deutungsspielraum ist groß. Unsere Phantasie ist gefragt. Vielleicht sind für manche von uns Betrachtern diese abstrakten grafischen und malerischen Arbeiten einfach nur interessant und optisch reizvoll. Und vielleicht wirken sie einfach nur als anregende Verschönerung unserer Alten Schäferei.

Die Gödelitzer Gemeinschaftsausstellung von Doris Titze und Thomas Hellinger wird bis Monatsende Februar zu sehen sein. Am 16. März eröffnet unser Bürgerverein seine  47. Kunstausstellung.